Herbstbeginn in Skandinavien II: Vállevágge & Tjuoldavágge

7.–9. September 2016

M&H

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Einen ganzen Tag dauert die Fahrt von der norwegischen Küste über die Berge und wieder hinab in die endlosen Weiten der schwedischen Taiga. Unten am Meer beginnt sich das Laub erst zaghaft gelblich zu verfärben, doch mit jeder Kurve hinauf ins Narvikfjäll erweitert sich die Farbpalette. Als wir die Wasserscheide erreichen und auf der schwedischen Seite bergab nach Abisko rollen, tauchen wir in ein leuchtendoranges Blättermeer, ja der ganze Birkenwald scheint zu brennen. So schön wir uns den Herbst im skandinavischen Fjäll ausgemalt hatten, der Anblick dieses Farbenspieles vor dem stahlblauen Spiegel des Torneträsk übertrifft alle Erwartungen. Erst die bedrohlich blinkende Tankanzeige holt uns aus unserer Versunkenheit zurück und sorgt für den Nervenkitzel, ohne den bekanntlich kein Abenteuer auskommt: Tankstellen sind in Lappland nämlich eher rar gesät und der Weg zur nächsten kann schon einmal hundert Kilometer lang sein. Zu unserem Glück finden wir in Abisko einen Tankautomaten, sodass unserer Weiterfahrt nichts mehr im Wege steht.

Wir umrunden nun in einem weiten Bogen das Weltnaturerbe Laponia, ein Netzwerk zusammenhängender Schutzgebiete im nordschwedischen Fjäll. Auf unserer Fahrt passieren wir Kiruna, wo die weltweit größte Erzmine den borealen Nadelwald in eine gigantische Mondlandschaft verwandelt hat. Die Wichtigkeit und Dringlichkeit von Naturschutzgebieten zum Erhalt der einzigartigen lappländischen Naturräume könnte kaum wo eindrücklicher vor Augen geführt werden.

Der Bergbau in Lappland hat freilich eine lange Tradition: Auch unser Ziel, die Siedlung Kvikkjokk am östlichen Rand des Gebirges geht auf eine alte Bergwerksiedlung zurück. Ihre Blüte war im 17. Jahrhundert, als bei Alkavare im Sarek und bei Kedkevare im Padjelanta Silberadern entdeckt wurden. Das Erz wurde in Kvikkjokk verhüttet, und zahlreiche schwedische Siedler kamen an diesen bereits zuvor von Samen bewohnten Platz. Auch wenn der „Silberrausch“ schon nach wenigen Jahrzehnten zu Ende war, blieben einige Nachfahren der Siedler bis heute, mittlerweile in der zehnten Generation. Anstelle des Silbers als Einnahmequelle ist nun der Tourismus getreten: Im Sarek und im Padjelanta wurden 1909 die ältesten beiden Nationalparks Schwedens eingerichtet. Seit 1928 betreibt der STF in Kvikkjokk eine Fjällstation, die sich inzwischen zu einem der wichtigsten Stützpunkte für Wandertouren in der Region entwickelt hat. Auch wir haben Kvikkjokk als Ausgangspunkt für unsere herbstliche Wanderung gewählt.

In Kvikkjokk endet die asphaltierte Straße, die seit einem halben Jahrhundert den alten Postweg übers Kablafjäll und das Fährschiff über den Sakkat ersetzt. Ringsherum ist das Dorf von Wald umgeben, aus dem langsam das Gebirge herauszuwachsen beginnt. An klaren Tagen scheinen die ersten schneebedeckten Gipfel bereits zum Greifen nah, dabei trennt den Wanderer von Fuß der Berge noch ein guter Tagesmarsch. Drei große Täler führen von Kvikkjokk in nordwestlicher Richtung hinein ins Gebirge:

Folgt man dem südlichsten, dem Tarradalen, so gelangt man in drei oder vier Tagesmärschen auf die Hochebene des Padjelanta. Die Route ist als Teil des Padjelantaledens markiert und von außergewöhnlicher landschaftlicher Vielfalt, der Wanderer passiert sämtliche Vegetationsstufen des lappländischen Fjälls: Ein uriger Nadelwald mit Moospolstern und Heidelbeersträuchern weicht bald einem lichten Birkenwald, der schließlich langsam in die Weiten des Kahlfjälls übergeht. Ähnlich vielgestaltig zeigt sich auch der Fluss Tarrädno, der einmal als munterer Gebirgsbach dahinfließt, sich dann zu kilometerlangen Seen weitet, mit wilder Gewalt eine Schlucht in die Taiga gräbt und schließlich wieder beruhigt in einem Labyrinth aus mäandrierenden Armen in den Sakkat mündet.

Die beiden anderen großen Täler, das Njoatsosvágge und das Tjuoldavágge vereinen sich nördlich von Kvikkjokk im Änokdelta. Im Gegensatz zum Tarradalen gibt es in ihnen keinen gebahnten Pfad: Besonders in ihren unteren Abschnitten erwartet den Wanderer undurchdringlicher Dschungel und Morast. Das nördliche der beiden, das Njoatsosvágge führt direkt in die Berge im Südwesten des Sarek hinein. Demensprechend alpin wird die Landschaft am Oberlauf des Njoatsosjåhkå: Der Fluss entspringt einer Kette dreier glasklarer Bergseen, um die herum mächtige Felswände bis eng an den Talgrund rücken. Kühn geformte, zum Teil vergletscherte Gipfel machen diesen Platz zu einem der spektakulärsten des lappländischen Fjälls. Zwischen dem Tarradalen und dem Njoatsosvágge liegen die beiden Bergmassive Tarrekaise im Süden und Tsahtsa im Norden. Dazwischen entspringt in der steinigen Umgebung des Låptåvágge der Tjuoldajåhkå, dessen von Moorwiesen und Wald gesäumter Unterlauf als eines der wildreichsten Gebiete der Region gilt.

Für die nächsten neun Tage haben wir uns vorgenommen, entlang dieser drei Täler die Bergmassive des Tarrekaise und Tsahtsa gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden: Den Dschungel im Änokdelta und im Unterlauf des Tjuoldajåhkå beabsichtigen wir durch das höher gelegene Vallevágge zu umgehen und erst oberhalb der Waldgrenze ins Tjuoldavágge abzusteigen. Von dort wollen wir über einen Pass am Eingang des Låptåvágge ins mittlere Njoatsosvágge wechseln, und dieses bis zu den Bergseen an seinem nordwestlichen Ende verfolgen. Über einen weiteren Pass planen wir die Berge des Sarek in Richtung Padjelanta Hochebene zu verlassen und uns in einem Bogen nach Süden Richtung Tarraluopal zu wenden. Die letzten drei Tage werden wir dann gemütlich dem Padjelantaleden durch das Tarradalen zurück nach Kvikkjokk folgen.

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Regenstimmung bei Kvikkjokk

Im Nieselregen warten wir am Ufer des Sakkat auf die Überfahrt. Tiefhängende Wolken verwehren die Aussicht auf das Gebirge und hüllen den Wald in ein gedämpftes Licht. Unser heutiger Weg führt uns auf den Spuren des Botanikers Carl von Linné aus dem Wald zunächst auf die Hochebene Vallevare und dann in das karge Hochtal Vallevágge. Linnés Beschreibung des Aufstieges sprüht vor Neugier und Begeisterung:

Am Nachmittag reiste ich von der Hütte [in Kvikkjokk] fort […] bis zum Berg Vallevari, der wohl eine Viertelmeile hoch ist. Als ich an seinen Hang kam, schien es mir, als sei ich in eine neue Welt geraten, und als ich hinaufstieg, wusste ich nicht, ob ich in Asien oder Afrika sei, denn alles, der Erdboden, die Lage und die Pflanzen, war mir unbekannt. Nun war ich ins Hochgebirge gekommen. Überall rundum lagen schneebedeckte Berge, und ich selbst ging wie im stärksten Winter im Schnee; all die seltenen Pflanzen, die ich früher gesehen und an denen ich mich so erfreut hatte, fanden sich hier wie in Miniatur und in solchen Mengen, dass ich erschrak und mehr zu bekommen glaubte, als es mir zu bewältigen möglich war.

Ein markierter Weg führt bis auf den Prinskullen am Ostrand des Vallevare, der nach dem Besuch des späteren schwedischen Königs Karl XV. im Jahr 1858 benannt ist. Der Blick von diesem felsigen Hügel über das Änokdelta, das Kablafjäll, die Hochebene Pårek und das Pårtemassiv ist hinreißend. Obwohl sich nun der Pfad verläuft, ist der Weitermarsch über die von niedrigem Kraut bewachsene Hochebene einfach. Der mittlerweile lebhafte Wind zerreißt die Wolkendecke und der Sonnenschein lässt die Umgebung in den schönsten Herbstfarben leuchten. Zwischendurch zieht wieder ein Schauer über unsere Köpfe, und vor der Kulisse der Sarekberge bildet sich ein Regenbogen nach dem anderen. Schon von weitem ist unser Ziel, das mit dunklen Wolken verhangene Vallevagge auszumachen. Am Taleingang halten wir uns auf einer Terrasse hoch über der tief eingeschnittenen Schlucht des Gebirgsbaches. Immer steiniger wird das Gelände, und immer ungemütlicher das Wetter: Der Wind pfeift aus voller Kraft durch das Tal, und treibt den Nieselregen in unser Gesicht. Als sich der Talgrund etwas weitet klettern wir über Blockwerk nach unten finden inmitten der unwirtlichen Steinwüste schließlich doch einen halbwegs brauchbaren Zeltplatz.

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Deltaland von Kvikkjokk vom Prinskullen gesehen

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Änokdelta und Pårek

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am Vallevare

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Prinskullen

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Pårtemassiv

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Blick Richtung Njoatsosvágge

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ein Schauer zieht heran

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Regenbogen über dem Pårte

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Wetterkapriolen

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Rentiere

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Eingang ins Vállevágge

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Vallevare

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Rückblick über den bislang zurückgelegten Weg

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Abendstimmung im Vállevágge

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into the dark…

Am nächsten Morgen wirkt das Wetter etwas freundlicher, auch wenn die nahen Gipfel des Tarrekaise noch immer in Wolken gehüllt sind. Zumindest der Wind hat nachgelassen, und bald haben wir die Wasserscheide erreicht. Wir machen einen kleinen Abstecher auf den Hügel Hábres, einem ausgezeichneten Aussichtspunkt: Mit einer steilen Felswand bricht er nach Norden ins Tjuoldavágge ab, das man von hier beinahe zur Gänze überblicken kann. Nach dem Mittagessen steigen wir ins Ruonasvágge ab, wo wir zunächst die Schlucht Ruonagårssa überqueren müssen. Der Wanderführer von Claes Grundsten verleitet uns direkt auf die Schlucht zuzulaufen, obwohl diese bereits von Weitem ziemlich unüberwindbar aussieht. Als wir schließlich an einer jähen Abbruchkante stehen, ist uns klar, dass wir besser unserem eigenen Urteilsvermögen als einer ungenauen Routenskizze vertraut  hätten. An eine Überwindung des Gebirgsbaches ist nur oberhalb der Schlucht zu denken, und so bleibt uns nichts anderes, als die verlorenen Höhenmeter wieder mühsam emporzusteigen. Weiter oben ist die Furt tatsächlich völlig unproblematisch, und nun kommt auch die Sonne zum Vorschein. Der folgenden Abstieg hinunter ins Tjuoldavágge ist ein wahres Fest: Mit jedem Schritt weitet sich der Blick über das Tal, das vor uns als ein Mosaik aus Wald, Wasserflächen und ockerfarbenen Moorwiesen ausgebreitet liegt. Gegenüber huschen Wolkenschatten über den sonnenbeschienen Rücken Tjuolda und westlich dahinter kommt der Tsahtsa mit seinem in der Fjällkarte vergessenen Gletscher zum Vorschein. Schrof ragt die dunkle Felswand des Ruonas über unseren Köpfen auf, während im Osten rundere, bewaldete Formen nach Pårek überleiten ‒ das ist Fjäll! Um so gut wie möglich den sumpfigen Talgrund zu vermeiden, halten wir halten uns hoch am Hang unterhalb des Ruonas. Wir peilen die Renwächterhütte an der Waldgrenze an, wo es eine gute Furt über den Tjuoldajåhkå geben soll. Tatsächlich weitet sich hier der Fluss unterhalb einer beeindruckenden Stromschnelle und über breite Kieselbänke ist eine gefahrlose Querung möglich. Gleich am anderen Ufer entdeckt M. einen Hang voller reifer Heidelbeeren, sodass die Frage nach dem Lagerplatz geklärt ist.

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Moospolster im Vállevágge

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das karge Vállevágge

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Blick zum Tarrekaise

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an der Wasserscheide: Blick ins Tjuoldavágge

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Tjuoldavágge

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ein kleiner Vorgeschmack auf größere Furten

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Tjårok

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Tjuoldavágge mit Tsahtsa

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Pårte

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Ruonas mit Ruonasgårsså

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Blick in die Schlucht

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oberhalb der Schlucht ist die Furt einfach

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Glockenblumen

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auf der Suche nach einer geeigneten Furt

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Ruonasvágge

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Schatten des Hábres

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Blick ins untere Tjuoldavágge

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um den Ruonas herum

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unterhalb der Wände des Ruonas

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Tjuolda

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Blick zum Talausgang Richtung Änok

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erste Birken

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Sumpfwiesen und Wasserflächen im Tjuoldavágge

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Rückblick Richtung Vállevágge

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Tarrekaise mit Neuschnee

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Tsahtsa mit der Schlucht des Tjuoldajåhkå

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Spiegelung des Tjuolda

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Spiegelung

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im Talgrund des Tjuoldavágge

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An der Furt des Tjuoldajåhkå

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etwas oberhalb braust das Wasser über Stromschnellen

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am anderen Ufer des Flusses finden wir…

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… gleich einen Zeltplatz 😉

Am nächsten Morgen folgen wir auf Heidestreifen zwischen Moorwiesen der Biegung des Tjuoldajåhkå nach Norden. Auf seinem Weg ins Tal hat der Fluss hier eine tiefe Schlucht gegraben, an deren östlicher Kante wir hinauf ins Låptåvágge steigen. Bald lassen wir das lästige Weidengestrüpp hinter uns und finden uns in kargen Umgebung wieder, die uns an das Vallevágge erinnert. Am Ende der Schlucht verlassen wir den Fluss und wenden uns in östlicher Richtung auf einen Pass zu, der uns ins Njoatsosvágge bringt. Inzwischen hat kräftiger Regen eingesetzt, und die eindrucksvolle Aussicht über das Tal vor uns ist vom Nebel getrübt. Bereits von oben können wir die Stelle der bereits vom Fjällpionier Axel Hamberg beschriebene Furt über den Njoatsosjåhkå erkennen: Unterhalb der Felsabbrüche des Goabrekbákte donnert der Fluss durch eine Felspalte und gabelt sich darauf in zwei Arme mit Schotterbänken. Als wir einige Zeit später nach heftigem Kampf gegen Weiden und Sumpf an dieser Stelle stehen, sieht die Furt allerdings wenig einladend aus: Der Wasserstand ist nach dem vielen Regen hoch, und die Strömung weit stärker als tags zuvor im Tjuoldajåhkå. Außerdem ist der zweite Arm von unserem Ufer schwer einsehbar ‒ was ist, wenn sich dieser als noch schwieriger erweisen sollte? Nach kurzer Beratung beschließen wir, dennoch den Versuch zu wagen ‒ und siehe da, es ist weniger schlimm als befürchtet: Zwar reicht das Wasser an den tiefsten Stellen bis über die Oberschenkel, doch der Untergrund ist stabil und mit den Stöcken können wir der Strömung gut standhalten. Glücklich am anderen Ufer angelangt, schlagen wir sofort das Zelt auf und stecken unsere im Eiswasser ausgekühlten Beine in den wärmenden Schlafsack.

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Aufstieg aus dem Talgrund

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am Tjuoldajåhkå

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Fjällbirke

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Schlucht des Tjuoldajåhkå

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Rückblick Richtung Ruonas

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fast oben

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Oberlauf des Tjuoldajåhkå

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Eingang des Låptåvágge

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Passübergang zum Njoatsosvágge

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Wollgrasfeld

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Heiterkeit im Regen 😉

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Abstieg ins Njoatsosvágge

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schon von Weitem ist die Stelle der Furt sichtbar (Bildmitte)

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mittleres Njoatsosvágge

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durchs Weidengestrüpp…

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…und Sumpfwiesen…

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…erreichen wir die Furt: der (einfachere) erste Arm…

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…und der etwas tiefere zweite.

>>> weiter zum Teil III (Njoatsosvágge)

 

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