Pyhrgasüberschreitung

Oder: Auf Messers Schneide

M&H, erstes Juliwochenende 2016

 

Der Große Pyhrgas (2244 m) stellt die westlichste und zugleich höchste Erhebung der Haller Mauern dar, die sich vom Pyhrnpass im Westen bis zum Buchauer Sattel im Osten erstrecken. Sie bilden eine etwa 20 km lange, schroffe Barriere zwischen den bewaldeten oberösterreichischen Eisenwurzen und  dem steierischen Ennstal. Während der Große Pyhrgas von Westen her als ebenmäßige Pyramide mit grasigen Hängen erscheint, zeigt er auf der anderen Seite ein rauheres Gesicht: Vom Gipfel zieht nach Osten ein felsiger, mit Zacken und Türmen bewehrter Grat steil bis in eine Einsattelung (1874 m) hinunter. Von dort setzt sich der Hauptkamm der Haller Mauern sanfter bis zum nächsten Gipfel, dem Großen Scheiblingstein (2179 m) fort. Nach Norden zweigt indes eine weitaus schärfere Gratschneide ab, die in ihrem Verlauf immer felsigere und schroffere Formen annimmt, bis sie schließlich den Gipfel des Kleinen Pyhrgas (2023 m) erreicht. Diese schwindelnde Verbindung zwischen den beiden Pyhrgasgipfeln zu überschreiten hatten sich M und ich in den Kopf gesetzt.

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Der Verbindungsgrat vom Kleinen auf den Großen Pyhrgas

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Der Gesäusepionier Heinrich Hess beschreibt in seinem erstmals 1884 erschienen „Special-führer durch das Gesäuse und durch die Ennsthaler Gebirge zwischen Admont und Eisenerz“ für den Großen Pyhrgas nur zwei Aufstiege, die bereits damals markiert waren und noch heute am häufigsten begangen werden (S. 55): den südlichen vom Pyhrgasgatterl (heute Hofersteig) und den westlichen über den vom Lugkogel ausgehenden Kamm (heute Hofalmsteig). Der Ostgrat des Großen Pyhrgas findet hingegen noch keine Erwähnung. Er war nämlich erst kurz zuvor am 6. Juni 1883 von A. Böhm im Rahmen einer Überschreitung zum Scheiblingstein erstbegangen worden, worüber dieser im zehnten Band der „Mitteilungen des deutschen und österreichischen Alpenvereins“ 1884 berichtete (S. 169 f.).

Am 17. Juli 1892, acht Jahre nach Böhms Erstbegehung, unternahmen Hess und L. Brunner ebenfalls den Übergang vom Großen Pyhrgas auf den Scheiblingstein. Allerdings hielten sie sich dabei bis zum tiefsten Punkt des Grates etwas unterhalb in der Südflanke des Großen Pyhrgas. In einem ausführlichen Beitrag über die Haller Mauern beschreibt Hess sowohl Böhms als auch seine eigene Route (H. Hess, Die Ennsthaler Alpen, in: Deutscher und österreichischer Alpenverein (Hg.), Die Erschließung der Ostalpen, Bd. 1: Die nördlichen Kalkalpen (Berlin 1893) S. 394):

„Der Grat, welchen der Berg nach Osten zur Verbindung mit dem nächstöstlichen Gipfel, dem Scheiblingstein, entsendet, ist zuerst am 6. Juni 1883 von Dr. A. Böhm aus Wien allein überschritten worden. Das Gratstück nächst dem Gipfel war leicht, kurz vor der Abzweigung des nördlich zum Kleinen Pyhrgas streichenden Grates wurde eine sehr schwierige Stelle südlich umgangen und zuletzt mittelst einen 21/2 m. hohen Sprunges überwunden. Der Zacken, an welchem der erwähnte Seitengrat sich loslöst, wurde südlich umgangen und dann die tiefste Einsattelung zwischen Pyhrgas und Scheiblingstein erreicht, von wo dann der Anstieg auf letzteren erfolgte. Zunächst überschritten L. Brunner aus Wien und der Verfasser am 17. Juli 1892 gelegentlich eines Versuches der Ueberschreitung des ganzen Haller Mauern-Grates diese Theilstrecke — jedoch wurde unfern des Pyhrgasgipfels südlich abgestiegen und entlang den obersten Schutthalden der “Langen Gasse” zur tiefsten Einsattelung im Grate gewandelt. […]“

Das Vorhaben, den gesamten Kamm der Haller Mauern zu überschreiten, konnte Hess gemeinsam mit L. Brunner und J. Mach noch im selben Jahr am 15. August 1892 verwirklichen. Bereits am Tag zuvor, dem 14. August 1892, hatten H. Hörmann und F. Hartmann den Grat zwischen dem Großen und dem Kleinen Pyhrgas erstbegangen (Österreichische Alpenzeitung 15, 1893, S. 251). Auf diese Begebenheit bezieht sich Hess, wenn er weiter unten (S. 395) lapidar bemerkt:

„Der Kleine Pyhrgas 2029 m. wird von Windischgarsten aus erstiegen. Mit dem Hauptkamm verbindet ihn ein kurzer schneidiger Grat, welcher bereits wiederholt überschritten wurde.“

Erst in späteren Auflagen des Gesäuseführers von Hess (gemeinsam mit E. Pichl) findet sich eine kurze Beschreibung dieses Überganges: So heißt es in der zehnten und letzten Auflage von 1954 (S. 365, Abkürzungen aufgelöst):

„Der Grat vom Kleinen zum Großen Pyhrgas (II‒), dessen jähe Flanken links (östlich) in das Winklerkar (der oberste Teil heißt Eiskar) und rechts (westlich) in das Holzerkar abstürzen, erfordert tüchtige, schwindelfreie Kletterer. Die Grattürme werden z. T. überklettert, teils rechts umgangen. Vom Kleinen Pyhrgas bis zum Hallermauern-Hauptgrat etwa 1 Stunde.“

Der weitere Routenverlauf auf den Großen Pyhrgas über den Ostgrat ist in umgekehrter Richtung beschrieben (S. 364; Abkürzungen aufgelöst):

„Ostgrat (II‒). Im Abstieg: Vom Pyhrgasgipfel an der im Frühsommer stets schneebedeckten Südflanke des Grates hinab bis zu einem Gratabbruch (nicht zu tief absteigen!). Nun, das einzige Mal, in die Nordseite ausweichend, wieder über die Gratschneide in die Südseite. Über den Grat weiter, zuletzt Abseil- oder Sprungstelle und auf das Geröll.“

In der modernen Führerliteratur hat sich die Schwierigkeitsbewertung für die Gratüberschreitung üblicherweise auf II nach UIAA erhöht, wobei allerdings die von Böhm gewählte Sprungstelle heute in der Regel umgangen wird.

Die Pyhrgasüberschreitung wird inzwischen recht häufig begangen, an manchen Stellen erleichtern Wegspuren, Steinmanderl oder Farbkleckse die Routenfindung. Trotzdem, das sei hier vorausgeschickt, verlangt die Tour ein hohes Maß an Orientierungssinn im alpinen Gelände und absolute Schwindelfreiheit: Die Pyhrgasüberschreitung ist keine Wanderung auf markierten Wegen, sondern eine Klettertour. Auch wenn die Kletterstellen bei günstiger Routenwahl nur gelegentlich den II. Schwierigkeitsgrad erreichen, sind aufgrund der Länge der Route und der permanenten Ausgesetztheit die physischen und psychischen Herausforderungen groß. Von Einheimischen erfährt man, dass regelmäßig Aspiranten, die sich verstiegen haben oder erschöpft von schlechtem Wetter eingeholt wurden von der Bergrettung geborgen werden müssen. Möge aber dies der Warnung genug sein, und unser Bericht über diese großartige Bergfahrt beginnen.

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Der Aufstieg zur Gowilalm ist stimmt uns als Vorabendprogramm auf die Überschreitung ein: Durch den Bergwald dringen die Strahlen der warmen Abendsonne, Lichtungen mit reifen, süßen Walderdbeeren laden zu kurzer Rast, ehe die länger werdenden Schatten der Felswände im Holzerkar zum Weitermarsch drängen. Bei der Hütte ist viel los, und nach dem flotten Aufstieg ist ein kühles Bier gerade das Richtige. Die Sonne sinkt rasch und bald berührt sie am Horizont den Schafberg, dessen Gipfelrampe unverkennbar über den Salzkammergutseen wacht. Ein preisverdächtiger Apfelstrudel rundet die Abendstimmung ab, ehe wir uns in Lager begeben ‒ schließlich wartet morgen ein früher Aufbruch.

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Spitzmauer, Großer und Kleiner Priel

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Sonnenuntergang an der Gowilalm

Im Morgengrauen steigen wir steil über Almwiesen, hinter uns gewinnt die Ostwand des Großen Pyhrgas langsam an Kontur. Als wir aus dem Hochwald treten, berührt gerade die Morgensonne den langgezogenen Warscheneckstock im Westen, während der Talkessel von Windischgarsten noch in kühlem Schatten liegt. Kurze gesicherte Abschnitte leiten über felsigere aber unschwierige Abschnitte des Gipfelvorbaus. Auf der Wiesenterrasse unterhalb des Gipfels wartet ein Paragleiter auf das Einsetzen der Thermik. Erst auf den letzten Metern treten wir aus dem Schatten ins gleißende Sonnenlicht. Vor uns im Süden liegt der Kamm der Haller Mauern, schroffe Türme und Grate unterbrochen von Steilwiesen und Geröllflanken. Zu beiden Seiten bestimmen voluminöse Gipfelgestalten das Bild: Der Große Scheiblingstein zur Linken gleicht einem rundlichen, mit Bergwiesen bedeckten Haupt, das von hier aus recht gutmütig wirkt. Unnahbar hingegen steht zu unserer Rechten die Felsenburg des Großen Pyhrgas, die uns den jähen  Ostgrat als Zugbrücke hinüberzustrecken scheint. Der Nordgrat des Kleinen Pyhrgas führt als scharfe Schneide mit mehreren Erhebungen zum Hauptkamm hinüber, unmittelbar unter uns ist bereits die Schlüsselstelle sichtbar: Ein felsiges Schartl, mit einer kurzen, senkrechten Stufe, die ausgesetzt im zweiten Grad abgeklettert werden muss. Zu beiden Seiten der Gratschneide fallen Wände und schrofige Flanken steil in das Eiskar und das Holzerkar ab, ein Fehltritt ist hier nicht erlaubt. So großartig der formschöne Grat von hier auch wirkt, wirklich einladend sieht er nicht aus.

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Warscheneckgruppe in der Morgendsonne

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Stodertaler Kamm mit Spitzmauer und Priel

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kurz vor dem Gipfel des Kleinen Pyhrgas

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Spital und das Windischgarstner Becken, dahinter das Tote Gebirge

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Am Einstieg des Grates

Nun, ein Versuch will gewagt sein! Wegspuren leiten uns den Gipfelaufbau nördlich hinunter auf den Grat. Ein kurzes Stück durch Latschen, dann sind wir auf der felsigen Schneide, unmittelbar vor uns bereits die Schlüsselstelle. Die senkrechte Stufe ist etwa drei Meter hoch, allerdings weniger ausgesetzt, als es von unten den Anschein hat: Das Felsband darunter ist recht geräumig und flach. Meine Füße finden tastend Tritte, die von oben nicht sichtbar waren ‒ noch ein Spreizschritt, und dann bin ich unten. M reicht mir die Rucksäcke herunter und folgt mir behände. Von hier an folgen wir der Gratschneide, selten weichen wir für kurze Abschnitte in die östliche Flanke aus.  Von nun an wird bis zum Haupkamm der erste Schwierigkeitsgrad nicht mehr überschritten, wobei das Gelände sehr ausgesetzt bleibt. Erst in der grasbewachsenen Schlusspassage können wir wieder durchschnaufen. Am Hauptkamm angelangt, stärken wir uns mit einer ausgiebigen Jause.

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Jausenplatzerl mit Blick auf den bisherigen Gratverlauf (Nordgrat des Kleinen Pyhrgas)

Von hier an wird es wieder anspruchsvoller: Nach der südlichen Umgehung der ersten Graterhebung geht es nur mehr im Fels aufwärts. Einzelne Türme werden in der Südflanke umgangen, oft führt die Route aber direkt am Grat entlang. Bald passieren wir das Pyhrgasfenster, ein kleine Felsöffnung unterhalb der Gratschneide. Eine ausgesetzte Reitgratstelle lässt unseren Adrenalinspiegel steigen. Dann folgt jene Stelle, bei dem zum einzigen Mal in die fast senkrechte Nordflanke ausgewichen wird: Ein Steinmanderl und neuerdings auch orange Farbkleckse helfen hier bei der Orientierung: Bliebe man hier auf der Kammlinie, fände man sich rasch in Klettergelände deutlich jenseits des zweiten Schwierigkeitsgrades. Die Querung in die Nordflanke sieht zunächst ob ihrer Ausgesetztheit recht unappetitlich aus, entpuppt sich dann aber als erstaunlich einfach: Wir folgen einem ausgesetzten aber ausreichend breiten Felsband, bis es an eine auffällig rot gefärbten Wand anläuft. Hier wenden wir uns in einer Spitzkehre nach links und steigen über eine lange, teils geröllbedeckte Felsrampe wieder auf den Grat empor. Von hier an wird das Gelände bis zum Gipfel immer einfacher, auch wenn wir langsam die Höhenmeter und das Adrenalin in den Beinen spüren. Nach etwa dreieinhalb Stunden (vom Gipfel des Kleinen Pyhrgas aus gerechnet, eine längere Pause eingeschlossen) erreichen wir den Gipfel des Großen Pyhrgas ‒ die Überschreitung ist geschafft.

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Pyhrgasfenster

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Tiefblick ins Holzerkar

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Gemse vor dem Sengsengebirge

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Kurz vor dem Gipfel

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M am Gipfel nach erfolgreicher Überschreitung

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Gipfelglück

Über dem Ennstal bauen sich bereits gewaltige Wolkentürme auf, sodass wir nach einer kurzen Gipfelrast zügig über den markierten Steig ins Holzerkar absteigen: Der ist im oberen Teil nämlich recht steil und grasig, trotz der Drahtseilversicherungen wollen wir diese Passage unbedingt im Trockenen hinter uns bringen. Tatsächlich  beginnt es zu tröpfeln, als wir das Holzerkar erreichen, doch nach der langen Querung hinüber zur Gowilalm hat sich das Unwetter schon wieder verzogen. Eine weitere Portion Apfelstrudel und ein erfrischendes Bad im Goslitzbach runden diese spektakuläre und physisch wie psychisch herausfordernde Bergtour ab.

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Regenwolken über den Haller Mauern

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Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis)

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Trollblume (Trollius europeus)

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Bayerischer Enzian (Gentiana bavarica)

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Breitblättriger Enzian (Gentiana acaulis)

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Stengelloses Leimkraut (Silene acaulis)

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Silberwurz (Dryas octopetala)

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Alpen-Leinkraut (Linaria alpina)

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Rostblättrige Alpenrose (Rhododendron ferrugineum)

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Vergissmeinnicht (Myosotis)

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