Paklenica: In den Schluchten des Balkan (08. ‒ 10. 06. 2015)

M&H

Zwischen den mittelalterlichen Festungsstädten Senj und Obrovac wird die kroatische Adriaküste von einem wilden, verkarsteten Gebirgszug gesäumt: dem Velebit. Oft peitscht von seinen Gipfeln die Bura, ein böiger Fallwind auf das Meer und die vorgelagerten Inseln hinab. Unterhalb der steilen Hänge windet sich kurvenreich die Jadranska Magistrala, die berühmte Küstenstraße entlang. Sie wurde in den 1960er Jahren vor allem zur Förderung des jugoslawischen Adriatourismus errichtet und ist mit ihren großartigen Panoramen zu seinem Sinnbild geworden; erst seit wenigen Jahren existiert eine parallele Autobahnverbindung im Binnenland. Der Velebit hingegen blieb weitgehend von Erschließung verschont und erlangte Bekanntheit als malerische Filmkulisse: Zwischen 1962 und 1968 entstanden hier die bekannten Verfilmungen der Abenteuerromane von Karl May, u. a. mit Lex Barker als Old Shatterhand und Pierre Brice als Winnetou. Im südlichen Teil des Gebirges waren M und ich Anfang Juni drei Tage unterwegs: Wir erkundeten die Schluchten des Nationalparks Paklenica und bestiegen mit dem Vaganski vrh die höchste Erhebung des Velebit.

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Als Ausganspunkt unserer Tour wählten wir den zweiten offiziellen Nationalparkeingang am Eingang der Mala Paklenica, der kleineren der beiden Schluchten. Nach einer gemütlichen Fahrt über slowenische Landstraßen und die Jadranska Magistrala erreichen wir um die Mittagszeit unser Fahrtziel. Zum erhofften strahlenden Sonnenschein gesellt sich allerdings auch ungewohnte mediterrane Hitze, die uns in den nächsten Stunden einigermaßen zu schaffen machen sollte: Der Aufstieg durch die Mala Paklenica führt meist an ihrem Grund entlang, immer wieder müssen Barrieren aus glattgewaschenen Felsblöcken überkraxelt werden. Oft drängen die hunderte Meter hohen Felswände überhängend über der Schlucht zusammen, dann wieder weiten sie sich zu Kesseln, in denen die Nachmittagssonne unbarmherzig den Fels aufheizt. Die angenehme Brise, die unten am Meer wehte, ist hier völlig ausgesperrt und wir fühlen uns wie in einem überdimensionierten Backofen. Unsere Wasservorräte sind bereits bedrohlich geschwunden, als wir rechts vom Weg eine große Karsthöhle entdecken. Tatsächlich weist ein roter Pfeil mit der Beischrift voda in ihre Richtung. Im kühlen Höhleninneren fangen wir das ersehnte Nass auf, das von den Stalaktiten tropft.

Allmählich wird das Gelände flacher und der nunmehr mit Kieseln bedeckte Schluchtgrund windet sich nach Westen. Die Vegetation, die zuweilen ein dichtes Dach über unseren Köpfen spannt, mutet an manchen Stellen beinahe tropisch an. Ein munter plätscherndes Bächlein beschert uns willkommene Erfrischung.

Eingang in die Mala Paklenica

Eingang in die Mala Paklenica

es wird felsiger

es wird felsiger

Rückblick nach dem Steilstück

Rückblick nach dem Steilstück

Felswände

Felswände

Blockkraxeleien

Blockkraxeleien

im Dschungel

im Dschungel

im oberen Teil der Mala Paklenica

im oberen Teil der Mala Paklenica

Smaragdeidechse I

Smaragdeidechse I

Smaragdeidechse II

Smaragdeidechse II

Bald danach verlassen wir die Schlucht und steigen durch den Wald den linken Hang bis in einen Sattel empor. Auf Matten aus blühendem Salbei gewinnen wir erstmals von oben einen Überblick über die Karstlandschaft: Während unter uns der tiefe Einschnitt der Mala Paklenica bereits im Schatten liegt, taucht im Norden, ins warme Nachmittagslicht getaucht, nun erstmals der Hauptkamm des Velebit auf. Gemütlich ansteigend geht es nun über bewaldete Kuppen und sanfte Sättel weiter nordwärts, immer wieder mit phantastischen Ausblicken auf die wild zerklüftete Landschaft. Im letzten Abendlicht erreichen wir unser Ziel, die frei zugängliche Schutzhütte Ivine Vodice am bewaldeten Hang unterhalb des Hauptkammes. Aufgrund des guten Wetters nächtigen wir unter freiem Himmel. Ein Siebenschläfer zetert eine Weile ob unserer Störung, ehe er sich auf Rache sinnend zurückzieht. Erst am nächsten Morgen bemerken wir das Loch in unserem Nahrungsmittelbeutel, den wir aufgrund der hier vorkommenden Braunbären ein Stück abseits aufgehängt hatten: aus dem Brotlaib ist ein faustgroßes Stück herausgenagt…

im Aufstieg aus der Schlucht, Blick auf den Hauptkamm des Velebit

im Aufstieg aus der Schlucht, Blick auf den Hauptkamm des Velebit

Salbei

Salbei

im Sattel

im Sattel

Rückblick auf den oberen Teil der Mala Paklenica

Rückblick auf den oberen Teil der Mala Paklenica

...und weiter nach Norden

…und voraus weiter nach Norden

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Abendstimmung

nochmals ein Blick zurück

nochmals ein Blick zurück

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

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Wir brechen zeitig auf, um den Aufstieg vor der großen Hitze hinter uns zu bringen. Bald lichtet sich der Buchenwald und wir treten ins Latschengelände hinaus. Der Ausblick hinunter aufs Meer, die Halbinsel von Zadar und die vorgelagerte Insel Pag ist traumhaft. Bald ist der felsige Kamm erreicht und nach einer aussichtsreichen Querung wechseln wir auf die andere Seite: was für ein Kontrast! Während die Gipfel in steilen Felsen zum Meer hin abfallen, sind die Formen hier an der Nordseite viel sanfter: große Latschenfelder wechseln mit blumenbestandenen Bergwiesen. Die Aussicht reicht über die Ebene von Gospić bis an die Bergzüge an der Grenze zu Bosnien. Aufgrund der Landminen aus dem Jugoslawienkrieg sollte hier die bezeichneten Wege nicht mehr verlassen werden, die gefährlichen Areale sind auch in der ausgezeichneten Wanderkarte des Kroatischen Bergrettungsdienstes verzeichnet.

morgendlicher Aufstieg, Blick zurück aufs Meer

morgendlicher Aufstieg, Blick zurück aufs Meer und die Halbinsel von Zadar

wir verlassen den Hochwald

wir verlassen den Hochwald

über Grasmatten geht es weiter hinauf

über Grasmatten geht es weiter hinauf

Gipfel im Osten

Gipfel im Osten

wir erreichen felsiges Gelände

wir erreichen felsigeres Gelände

am Kamm

am Kamm, im Hintergrund ist der weitere Wegverlauf erkennbar

Blick über den Nationalpark

Blick über den Nationalpark

Ausblick auf die Halbinsel von Zadar

Ausblick auf die Halbinsel von Zadar

auf der anderen Seite des Kamms: Blick aus den Latschen ins Binnenland

auf der anderen Seite des Kamms: Blick aus den Latschen ins Binnenland

gemütliches Wandergelände

gemütliches Wandergelände

Unseren ersten Gipfel, den Brundo (1716m) erreichen wir nach einem kurzen, markierten Abzweiger vom Hauptweg über eine steile Latschengasse und zuletzt etwas Fels. Hier oben halten wir Mittagsrast und lassen das Panorama auf uns wirken: weit unter uns und doch zum Greifen nah scheint das Meer. Wenig später stehen wir am höchsten Gipfel des Velebit: dem Vaganski vrh (1757m). Schier grenzenlos ist der Ausblick ins Binnenland und über den weiteren Verlauf des Velebit im Nordwesten. Über Grasmatten, vorbei an eindrucksvollen Dolinen führt uns unser Weg abwärts zur nächsten Wasserstelle, der Zisterne Marasovac an einer ehemaligen Alm. Die Hänge sind hier über und über mit gelben, violetten und magentafarbenen Orchideen bestanden, M ist völlig aus den Häuschen…

auf unserem erstenb Gipfel, dem Brundo

auf unserem erstenb Gipfel, dem Brundo

Blick hinüber zum nächsten, dem Vaganski vrh

Blick hinüber zum nächsten, dem Vaganski vrh

Rückblick nach Osten

Rückblick nach Osten

Gipfelhang des Vaganski vrh

Gipfelhang des Vaganski vrh

am höchsten Gipfel des Velebit

am höchsten Gipfel des Velebit

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Ausblick vom Vaganski vrh nach Nordwesten

Ausblick vom Vaganski vrh nach Nordwesten

im Abstieg

im Abstieg

Orchideen I

Orchideen I

Orchideen II

Orchideen II

Orchideen III

Orchideen III

Orchideen IV

Orchideen IV

Orchideen V

Orchideen V

Da es erst früh am Nachmittag ist und wir noch ausreichende Kräfte verspüren – das Wasser von Marasovac hat das seinige dazu beigetragen – marschieren wir an der gut frequentierten Hütte Struga vorbei und machen uns an den Abstieg hinunter in die Schlucht der Velika Paklenica. Unser Ziel ist die Quelle Stražbenica an einem bewaldeten Sattel, wo wir wieder im Freien zu übernachten wollen. Die steile Querung auf einem alten Almpfad hinüber in den Sattel ist ein unfassbar schöner Panoramaweg: Während über unseren Köpfen die Nachmittagssonne die Felsstruktur der Nadeln und Zinnen hervortreten lässt, liegen tief eingeschnitten unter unseren Füßen die bewaldeten Seitentäler der Paklenica Schlucht, die selbst direkt auf das Meer zuführt; den Horizont begrenzt die dalmatinische Inselwelt.

in der Nähe von Struge

in der Nähe von Struge

Felsformationen im Abstieg

Felsformationen im Abstieg

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Blick hinunter in die Velika Paklenica

Blick hinunter in die Velika Paklenica

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Schwertlilien

Schwertlilien

Rückblick auf den Abstieg

Rückblick auf den Abstieg

Schatten senken sich schon über die Täler

Schatten senken sich schon über die Täler

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Am nächsten Morgen steigen wir über den bewaldeten Rücken der Popova pošta zur zentralen bewirtschafteten Hütte in der Velika Paklenica ab. Die Bergsteigerhütte ist schön renoviert und Schwarzweiß-Photos an den Baumriesen davor erzählen von ihrer bewegten Geschichte. Wir stärken uns mit einer köstlichen Spinatsuppe und einem erfrischenden Bier. Der folgende Abstieg durch die große Schlucht verläuft auf einem breiten und gut befestigten Touristenweg. Weg und aufsteigende Menschenmassen sind ein jäher Kontrast zur Bergeinsamkeit der letzten beiden Tage, und auch das besonders im unteren Teil großartige Panorama auf die umgebenden Felswände kann uns diesen Makel wettmachen. Fast wären wir an der Abzweigung zum formschönen Felsgipfel Anića kuk schon wieder aus dem Touristenstrom geflüchtet, wäre da nicht der Plan gewesen, am morgigen Sonntag noch die Küstenstadt Split zu besuchen. Also wird diese Besteigung eben auf einen nächsten Besuch vertagt, der – da sind wir uns einig – nicht zu lange warten darf…

Windsturz am Rücken

Windsturz am Rücken der Popova pošta

Bachlauf im Tal

Bachlauf im Tal

die einzige bewirtschaftete Hütte im Nationalpark

die einzige bewirtschaftete Hütte im Nationalpark

durch die Velika Paklenica, Blick auf den Anica kuk

durch die Velika Paklenica, Blick auf den Anica kuk

felsiger unterer Teil der Velika Paklenica

felsiger unterer Teil der Velika Paklenica

das kühle Nass des Gebirgsbaches am Grund der Schlucht lädt zum Baden ein

das kühle Nass des Gebirgsbaches am Grund der Schlucht lädt zum Baden ein

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In Split erfahren wir vom Tod des Schauspielers Pierre Brice kurz vor unserem Aufbruch. Als Häuptling Winnetou in den Karl May-Filmen der 60er war er Generationen von Jugendlichen romantisches Idol. Seinem Andenken ist dieser Beitrag gewidmet.

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