Auf Skiern durch Lapplands Wildnis (09. – 24. 03. 2015) – Teil III: Kungsleden und Muddus

M&H. Katalanische Version folgt.

Dritter Teil: Kungsleden und Muddus (20.‒25. März)

Wie es uns zuvor bei unserer Durchquerung des Sarek Nationalparks vom Áhkká bis nach Aktse ergangen ist, ist im ersten und im zweiten Teil des Berichtes zu lesen.
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Zwölfter Tag:
Von einem Tag im Nordwind, in dem von Anfang an der Wurm drinnen ist

Erstmals ist es am Morgen richtig kalt: Vom Hang weht der Nordwind herab und beugt die Wipfel der Fichten. Gleich hinter der Hütte beginnt der steile Anstieg durch den Wald. Die Steigfelle wollen nicht auf den Skiern halten, an manchen Stellen kommen wir nicht einmal grätschend hoch. Also müssen wir wohl oder übel die Ski gegen die Schneeschuhe tauschen, keuchend stapfen wir dann weiter und verfluchen das Gewicht unserer Schlitten. Als wir die Waldgrenze erreichen peitscht uns der Nordwind ins Gesicht. An den ursprünglich geplanten Abstecher zum Skierffe ist bei diesem Wind nicht zu denken, trotz des strahlendblauen Himmels. Auf der breiten, mit Stangen markierten Piste fühlen wir uns nach der einsamen Durchquerung des Sarek wie auf einer Autobahn; rings um uns wirbelt loser Schnee durch die Luft. Aufgrund der Kälte bekommt M ein taubes Gefühl in den Oberschenkeln, ohne Windschutz muss sie in die warme Skihose wechseln. Stur marschieren wir weiter, inzwischen wieder mit Skiern an den Füßen. Endlich tauchen in der monotonen Fjälllandschaft große Findlinge auf – hinter dem ersten kauern wir uns hinter die Wechte und stärken uns mit Tee und Schokolade. Irgendwann haben wir dann doch die Hügelkuppe erreicht, dahinter erwartet uns ein weiter Blick Richtung des langestreckten Sees Sitojaure. Der landschaftliche Eindruck unterscheidet sich völlig von den engen Tälern und markanten Felsformen des Sarek: Die viel älteren Bergstümpfe hier im Ultevisfjäll sind vom Zahn der Zeit zu einem hügeligen Hochland abgeschliffen worden, das langsam zu den endlos scheinenden Wäldern im Osten ausläuft.

Während ich mich auf die lange Abfahrt hinunter zum See freue, ist M vorsichtiger und besteht darauf, wieder Schneeschuhe anzulegen, ich reagiere unwirsch. Die Strafe dafür folgt auf den Fuß: auf der harten Piste des Kungsledens kann ich nicht gut bremsen, gewinne immer mehr an Geschwindigkeit, und stürze nach wenigen hundert Metern über eine Bodenwelle. Zwar stehe ich selbst unverletzt auf, das metallene Pulkagestänge allerdings ist zu Bruch gegangen. Das ist hier am Kungsleden zwar nicht mehr die Katastrophe, die es mitten im Sarek bedeutet hätte, aber noch immer sehr, sehr ärgerlich: Mit dem gebrochen Zuggestänge lässt sich die Pulka viel schlechter kontrollieren, besonders bergab. Erst unten im Birkenwald haben wir uns beide wieder beruhigt, und machen Mittagspause – ohne Suppe allerdings, die heute aus unerfindlichen Gründen eiskalt ist. Dennoch können wir über den verkorksten Tag und unsere schlechte Laune vorhin schon wieder lachen. Hier unten ist der stürmische Wind bloß ein leises Lüftchen, über unseren Köpfen wölbt sich der strahlendblaue Himmel und im Westen grüßen die Sarekgipfel oberhalb von Rinim zu uns herüber – schlagartig ist unsere Stimmung wieder heiter. Die Überquerung des Sitojaure ist dann wieder ein wahres Skivergnügen. In der Fjällhütte am anderen Ufer werden wir von der freundlichen Hüttenwartin mit Himbeersaft empfangen, was für ein Tag!

Rückblick Richtung Aktse

Rückblick Richtung Aktse

im Aufstieg

im Aufstieg

im Anstieg, Ausblick nach Osten

im Anstieg, Ausblick nach Osten

im Wind...

im Wind…

Abfahrt Richtung Sitojaure

Abfahrt Richtung Sitojaure

am höchsten Punkt

am höchsten Punkt

wieder im Birkenwald

wieder im Birkenwald

am Ufer des Sitojaure

am Ufer des Sitojaure

nun können wir wieder lachen... ;-)

nun können wir wieder lachen… 😉

am Sitojaure

am Sitojaure

im Hintergrund Rinim

Sitojaure, Blick Richtung Rinim

Sitojaure, Blick Richtung Rinim

Sitojaure Hütten mit Tjirák

Sitojaure Hütten mit Tjirák

 

Dreizehnter Tag:
Wie wir durch das Autsutjvágge nach Saltoluokta laufen

Bei sonnigem, kaltem Wetter tragen wir heute erstmals das grüne Wachs auf die Steigzonen unserer Skier. Den kurzen Aufstieg von der Hütte ins baumlose Fjäll haben wir rasch hinter uns gelassen, und bald gleiten wir fast mühelos dahin. In der einförmigen weißen Weite zieht sich die Distanz dennoch: Nur langsam rückt die kilometerlange Felswand des Sjäksjo zu unserer Linken näher, und erst um die Mittagszeit erreichen wir die kleine Schutzhütte, wo wir Rast machen. Von nun an wird das Panorama nach Norden und Westen über den Pietsaure und die Gipfel des Stora Sjöfallet Nationalparks immer schöner. Schon mehrere Kilometer vor der Saltoluokta überblicken wir den See Langas, der sich unten im Tal entlangwindet und die lange Abfahrt hinunter in den Wald zur Fjällstation. Für dieses letzte Wegstück wechseln wieder von Skiern zu Schneeschuhen. Das kaputte Gestänge meiner Pulka vermiest mir den Abstieg allerdings gehörig: Ständig fährt mir der Schlitten von hinten in die Beine, um ihn stattdessen voranlaufen zu lassen, reicht die Steigung meist nicht. Nach gefühlt endlosen drei Kilometern erreichen wir endlich die Hütten der Fjällstation im Pinienwald oberhalb des Seeufers. Wir haben Glück, und können ein Zimmer im historischen Hauptgebäude beziehen. Die meisten anderen Gäste sind Wochenendausflügler in schicken Klamotten zu sein – was für ein Kontrast zu den letzten beiden Wochen! Unsere Rückkehr in die Zivilisation feiern wir mit Sauna und einem köstlichen dreigängigen Abendessen im alten Speisesaal.

Aufbruch

Aufbruch

Aufstieg ins Autstjvágge

Aufstieg ins Autstjvágge

gleiten

gleiten

Felswand des Sjäksjo

Felswand des Sjäksjo

Felswand des Sjäksjo

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Blick Richtung Pietsaure

Blick Richtung Pietsaure

Ebene des Pietsaure

Ebene des Pietsaure

Rückblick nach Süden

Rückblick nach Süden

Rásek und Sluggá am Pietsaure

Rásek und Sluggá am Pietsaure

Lulep Gierkav

Lulep Gierkav

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Blick nach Westen, kurz vor der Abfahrt nach Saltoluokta

Blick nach Westen, kurz vor der Abfahrt nach Saltoluokta

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Langas

Langas

 

Vierzehnter und fünfzehnter Tag:
Zwei Faulenztage, und ein Wiedersehen mit unserem Pünktchen

Die nächsten beiden Tage verbringen wir geruhsam in Saltoluokta und genießen die Annehmlichkeiten der Fjällstation. Am Nachmittag des zweiten Tages brechen wir wieder auf und legen die kurze Strecke über den See zur Busstation am anderen Ufer zurück. Im Sonnenschein gleiten wir über den zugefroren See und wollen gar nicht wahrhaben, dass unsere Tour sich ihrem Ende zuneigt. Als wir wenig später im Linienbus nach Ritsem sitzen und an den Fenstern die verschneite Berglandschaft des Stora Sjöfallet im Abendlicht an uns vorbeizieht, ist die Wehmut perfekt.

Am Parkplatz in Ritsem müssen wir Pünktchen erst einmal suchen und aus einem Meter Neuschnee ausgraben. Fast wider Erwarten springt der Motor nach etwas Stottern gleich beim ersten Versuch an – Glück gehabt! Im Dämmerlicht beginnen wir unsere Rückfahrt. Zwei Tage sind von unserem Zeitpolster noch übrig, die wir noch in der Wildnis Lapplands verbringen können. Während unserer Ruhetage in Saltoluokta hatten wir uns überlegt, noch den kleinen Muddus Nationalpark in der Nähe von Jokkmokk zu besuchen, der ebenfalls zum Welterbe Laponia gehört: Nadelurwald und Moore würden einen reizvollen Kontrast zu unserer Tour im Hochfjäll und einen gemütlichen Abschluss unserer Reise bilden.

Auf unserer Fahrt begegnen uns eine Elchkuh mit Kalb und ein Luchs, der in unserem Scheinwerferlicht die Fahrbahn quert. Nach knapp zwei Stunden Fahrzeit, zuletzt auf einem eisigen Fahrweg, erreichen wir den südlichen Eingang des Parks. Mit Schneeschuhen, bloß einer Pulka und leichten Rucksäcken ziehen wir los in die Dunkelheit. Nach kurzem Marsch errichten wir zwischen den Bäumen im weichen, tiefen Schnee unser Nachtlager.

Überquerung des Langas, im Hintergrund der Gierkav

Überquerung des Langas, im Hintergrund der Gierkav

am Nordufer des Langas

am Nordufer des Langas

 

Sechzehnter Tag:
Von Nadelurwald, Schluchten und Wasserfällen

Als wir erwachen und aus dem Zelteingang blicken, sind wir überwältigt: Der verschneite Waldboden ist über und über mit Spuren von Tieren überzogen: Elch, Rentier, Fuchs, Eichhörnchen, Marder, verschiedene Vögel ‒ wie lebendig ist das hier, im Vergleich mit der Ödnis der Gebirge! Durch den ansteigenden Mischwald, der mit jedem Schritt einen urigeren Charakter gewinnt, steigen wir sanft bergan, bis wir zu unserer Rechten auf die tiefe Schlucht des Muddusädno treffen. Von zwei mit orangen Punkten auf den Baumstämmen markierten Routen wählen wir zunächst die schwierigere, die nah an der Kante der Schlucht entlangführt. Immer wieder sind jähe Einschnitte zu queren, was einigen Kraftaufwand erfordert. Mit den Schneeschuhen im weichen Schnee des Walden kommen wir nicht so flott voran, wie gewohnt – eine rechte Schätzung der Distanz haben wir in dem unübersichtlichen Gelände haben wir auch nicht. Hinter jeder Biegung, hinter jeder Kuppe erwarten wir den Muddusfallet, den großen Wasserfall des Muddusädno, an dem sich unser heutiges Tourenziel befindet: Eine kleine Selbstversorgerhütte. Bis wir den Kessel des mächtigen Wasserfalles tatsächlich erreichen ist es aber bereits nach Mittag. An der Holzhütte bauen Arbeiter gerade eine neue Küche ein ‒ wir dürfen dennoch in einem gemütlichen Raum gleich links vom Eingang nächtigen. Nach einer Stärkung brechen wir noch zu einem kleinen Abendspaziergang zum Fluss auf und sehen uns den vereisten Wasserfall von oben an. In atemberaubendem Abendlicht kehren wir zur warmen Hütte zurück.

Muddusfallet

Muddusfallet

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Mittagessen in der Hütte

Mittagessen in der Hütte

Moor

Moor

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Muddusädno

Muddusädno

Abendstimmung

Abendstimmung

oberhalb des Wasserfalls

oberhalb des Wasserfalls

Muddusfallet

Muddusfallet

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Siebzehnter Tag:
Wie wir aus dem Wald nach Jokkmokk ins Samenmuseum gelangen und unsere Heimreise antreten

Früh brechen wir zu unserem Rückweg auf, für den wir diesmal die einfachere der beiden Wegvarianten etwas weiter westlich wählten. Über Stock und Stein, durch borealen Nadelwald ziehen wir zurück zum Auto, das wir noch vor Mittag viel rascher als gedacht erreichen.

Den Nachmittag verbringen wir im Museum Ájtte in Jokkmokk, wo die Kultur der Samen und die Natur des Fjälls großartig didaktisch aufbereitet sind. Noch einmal erleben wir in Gedanken die Eindrücke, die wir in den letzten beiden Wochen gesammelt haben – einen besseren Ausklang für eine Lapplandreise kann man sich kaum vorstellen.

Am späteren Nachmittag, nachdem wir uns noch in einem Supermarkt mit Brot und Räucherlachs eingedeckt haben, treten wir dann unsere Heimfahrt nach Wien an, unterbrochen von einem Tag in Stockholm, wo wir unter anderem das Vasamuseum besuchten und auf der AF Chapman vor Skeppsholmen übernachteten, einem ehemaligen Frachtsegler, der in die wohl schönste Jugendherberge Europas umgebaut wurde.

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