Alta Garrotxa_dt (29.12.2014 – 01.01.2015)

Alta Garrotxa 29. 12. 2014 – 01. 01. 2015

deutsche Fassung – versió en alemany (H).
>> zur katalanischen Übersetzung (M) – traducció catalana (M).

La Garrotxa – die Zerborstene – wird die Gegend um die Kleinstadt Olot nordwestlich von Girona genannt: Ein unübersichtliches Bergland mit riesigen Eichenwäldern, tief eingeschnittenen Schluchten und jähen Felsklippen. Nur seine Gipfel ragen aus dem wogenden Wald – als riesenhafte Burgen und wild gezackte Felskämme. Die höchsten erheben sich rund anderthalb tausend Meter über den Golf von Roses im Osten; im Landesinneren begrenzen die östlichsten Bastionen des katalanischen Pyrenäenhauptkammes den Blick: der Canigó und der Pic de Bastiments, beide knappe dreitausend Metern hoch. Kaum zwei Tagesmärsche von der Küstenebene entfernt verblieb der nördliche gebirgige Teil der Garrotxa, die Alta Garrotxa, seit jeher in ihrer wilden Abgeschiedenheit: Nur wenige alte Weiler und Gehöfte sind bis heute bewohnt. Der ehemals allgegenwärtige Rauch der Carboneres, der Köhlereien, verschwand um die Mitte des XX. Jahrhunderts aus dem Landschaftsbild. Seither ist der Wald weitgehend sich selbst überlassen. Viele der Wege und Steige folgen uralten Saumpfaden. Der aufmerksame Wandrer beobachtet dann und wann Reste ehemaliger Terrassen an den nun bewaldeter Hängen, Spuren längst aufgegebener Landwirtschaft. Über den Tälern thronen die Ruinen der zugehörigen Gehöfte, wehrhaft trutzige Zeugen der Vergänglichkeit. An markanten Punkten – alten Wegkreuzungen, Pässen oder auf Hügelkuppen – trifft der Wandrer häufig auf kleine Kirchen und Kapellen. Ihre Architektur weist weit zurück ins Hochmittelalter, die Romanik des XI. und XII. Jahrhunderts: tonnengewölbte Räume mit Apsis, durch Rundbogenfenster fällt spärliches Licht. Einige sind restauriert, andere verfallen oder als Lagerräume zweckentfremdet; in der Dämmerung zerwühlen Wildschweine die Kirchhöfe. An diesen Orten klingt noch jene Garrotxa nach, der Marià Vayreda zu Beginn des letzten Jahrhunderts in seinem Roman La Punyalada – die Dolchstecherei ein literarisches Denkmal setzte. In den entlegensten Ecken dieses malerischen Berglandes wollten M und ich den Jahreswechsel verbringen. Vier Tage planten wir unterwegs zu sein – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, aber strahlendem Sonnenschein, wie die Wettervorschau versprach. Als Ausgangspunkt wählten wir den mittelalterlich geprägten Weiler Sadernes etwa fünfzehn Kilometer nordöstlich von Olot. Von hier aus wollten wir unter anderem den Puig de Bassegoda (1374m), den Puig de les Bruixes (1393m) und den Puig de Comanegra (1557m) besteigen, die höchsten Gipfel der Garrotxa.

Routenskizze

Routenskizze, (C) Google Earth u. Istitut Cartogràfic de Catalunya

Erster Tag (29. XII): Im Nordwind

Wie wir der Tramuntana trotzen und mehrmals den Weg verlieren, aber dennoch bis fast auf den Gipfel des Bassegoda gelangen.

Von Sadernes führt eine Schotterpiste noch ein Stückchen taleinwärts, unten in der Schlucht braust der Llierca. Vor einem markanten Felsklotz, an dem sich die Schlucht gabelt, parken wir den Wagen. Trotz des Sonnenscheines ist es eisig kalt: bis hier in den Talgrund weht die Tramuntana, der böige Wind, der aus den Pyrenäen herabstreicht. An den Hängen über uns beugen sich die Föhren im Sturm. Ob bei diesen Bedingungen das geplante Biwak am Bassegoda möglich sein wird? Wohl kaum. Dennoch machen wir uns auf den Weg: Am Pont de Valentí, einer zweibogigen mittelalterlichen Brücke verlassen wir die Piste und wählen einen steilen Fußpfad den östlichen Hang hoch. Der Weg ist gut markiert, nicht aber der Steig, der uns bald rechts abzweigend hinauf auf den Kamm, die Cingles de Freixenet führen sollte – wahrscheinlich ist diese kaum begangene Route inzwischen zugewachsen. Über ein steiles Geröllfeld quälen wir uns deshalb höher, im Wald wäre kein Durchkommen. Dafür pfeift hier der Nordwind, mit Mühe gilt es das Gleichgewicht zu halten. Als die Halde immer steiler wird und noch immer kein Durchstieg durch die Felswand darüber auszumachen ist, geben wir entnervt auf: wieder zurück zum Weg. Einfacher gesagt, als getan: Abzufahren kommt mit Ms alten Schuhen nicht in Betracht, also versuchen wir nach Norden durch den Wald weniger steil hinauszuqueren. Eine Stunde und etliche Flüche später erreichen wir endlich wieder einen Pfad, der von der Kirche Sant Feliu de Riu nach oben führt. Im lichten Kastanienwald können wir schon wieder lachen und erreichen bald darauf die Almen von Riu und Ca n’Agustí. Hier treten wir endlich aus dem Schatten des Nordhanges hinaus in die Wintersonne.

Blick nach Norden

Oberhalb von Sant Feliu, Blick nach Norden

Hof von Riu

Hof von Riu

im Wald

im Wald

Durch den Wald geht es nun die Südflanke des Bassegoda aufwärts zur romanischen Kapelle Mare de Déu de les Agulles. An ihre Südwand gelehnt packen wir unsere Mittagsjause aus dem Rucksack – Kürbisbrot, Ziegenkäse und Paprikawurst (xoriç).

Mare de les Aguilles

Mare de Déu de les Agulles

Danach wählen wir zuerst einmal den falschen Weg. Nachdem wir umgekehrt sind, erreichen wir einige Meter oberhalb der Kapelle den Caire de Comadells, den Südwestkamm des Bassegoda. Von ihm eröffnen sich schwindelnde Tiefblicke in den schattigen Taleinschnitt des Torrent del Tumany und nach Riu. Weiter im Westen zieht die markante Felsgestalt des Puig d’en Coll unsere Blicke an sich, dahinter taucht bereits die Pyramide des Comanegra, unseres höchsten Gipfelzieles, auf. Den Horizont begrenzt die verschneite Kette der östlichsten Pyrenäengipfel.

am Caire de Comadells

am Caire de Comadells

Aussicht nach Westen

Aussicht nach Westen

Zuerst an der Kante entlang, dann weiter östlich über den Hang gelangen wir auf eine Wiese hinaus, über der der felsige Gipfelaufbau thront. Die verdorrten Matten werden vom Abendlicht vergoldet. Ein Aufstieg auf den Gipfel scheint rasch gefunden, ein Steinmännchen lockt die felsdurchsetzte Flanke nach oben. M glaubt sich von früher zu erinnern, dass der Aufstieg weiter nördlich beginne – wie dem auch sei, das Gelände scheint einfach. Der Grashang neigt sich zurück, nur mehr wenige Meter zum höchsten Punkt – doch plötzlich ist vor unseren Füßen ein jäher Abgrund, auf der anderen Seite, einen Steinwurf entfernt, der Gipfel. Der Einschnitt ist jedoch zu tief, seine Wände zu glatt, um ohne Kletterausrüstung hinüberzukommen. Ich könnte mich ohrfeigen, nicht auf M gehört zu haben. Im Westen berührt die Sonne bereits den Horizont. Wir beschließen daher, den Sonnenuntergang hier am nördlichen Nebelgipfel zu genießen, und dann einen Biwakplatz unterhalb zu suchen – den Hauptgipfel müssen wir auf morgen Früh verschieben.

Abendlicht kurz vor dem Gipfel

Abendlicht kurz vor dem Gipfel

Ausblick nach Süden

Ausblick nach Süden

einsame Pinie

einsame Pinie

Abendstimmung

Abendstimmung über dem Canigó

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Östlich unterhalb des Gipfels finden wir eine windgeschützte Lagerstelle im Zwickel zweier Felswände, zusätzlich von einer mächtigen Steineiche abgeschirmt. Bereits im Dunklen breiten wir unsere Schlafsäcke aus und werfen den Gaskocher an, zwanzig Minuten später ist das Risotto fertig. Daran, eine Gabel oder einen Löffel mitzunehmen, haben wir zwar leider nicht gedacht, aber mit etwas Geduld erfüllt auch das Klappmesser diesen Dienst. In der sternenklaren Nacht wird es rasch kalt und wir verkriechen uns erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Zweiter Tag (30. XII): Nichts für Hasenfüße

Wie wir im Sonnenaufgang auf den Bassegoda kraxeln. Weiters, wie wir von St. Aniol auf einem abenteuerlichen, alten Steig über ausgesetzte Felsbänder nach St. Julià gelangen, wo wir eine windstille Nacht verbringen.

Als ich erwache, kündigt sich am Horizont schon der erste Schimmer der einsetzenden Morgendämmerung an. Der Boden ist über Nacht gefroren. Aus dem warmen Schlafsack zu kriechen erfordert einige Überwindung, doch es Hilft nichts: schließlich wollen wir ja rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel sein. Also im Schein unserer Stirnlampen rasch zusammengepackt, und schon sind wir wieder unterwegs. Links über uns erahnen wir die Kluft, vor der wir gestern umkehren mussten. Kurz darauf zweigt deutlich markiert der Gipfelanstieg ab. Eine kleine Felsstufe wird mithilfe einer Kette überwunden, dann folgt ein kurzer, luftiger Grat. Auch hier erleichtern Ketten und Eisentritte die einfache Kletterei. Wenige Augenblicke stehen wir am Gipfel des Bassegoda, wo uns wieder die Tramuntana begrüßt. Über dem Golf von Roses liegt ein schmales Wolkenband, das den Sonnenaufgang etwas verzögert. Auf einer grasbewachsenen Stufe unmittelbar östlich des Gipfels suchen wir Schutz vor dem Wind und warten auf wärmendes Sonnenlicht. Vor uns tut sich jenes großartige Panorama auf, das Marià Vayreda vor hundert Jahren eindrucksvoll mit Worten nachgemalt hat: Auf dem Puig de Bassegoda liegt wie zur Bequemlichkeit des ermüdeten Wanderers ein Canapé von weichstem Gras bedeckt, mit einer festen Rückenlehne aus Stein. Dort saß ich früher so manches Mal, stets mit gleicher Neugierde in das Panorama vertieft, das sich unter meinen Füßen ausbreitete: Gegen Sonnenaufgang hin öffnete sich nebelverhangen das Tiefland von l’Empordà, darüber die Kämme von la Mare de Déu del Mont, vom Fuße bewaldet bis zu den Kalkfelsen ihres nackten Kammes; etwas näher der Gipfel des Tossa, und noch näher die dürre und zwischen Eichenwälder verlorene Lliurona, der Flusslauf des Borró, wie mit dem Pickel gezogen, die Kette der Banyadors und die schwarzen Pinienwälder des Polí; nach rechts hin die gewaltigen Einschnitte des Freu, die Schluchten von Sadernes, wo am Kamm noch die Höhle zu sehen ist, von der man sagt, dass der Bischof von dort aus seine Herde weidete und über dem Abgrund die Jungfrauen von Coll-Roig weihte, zusammengekauert in ihrem Kloster, zwischen winzigen Anbauten und kleinen Gärten umfasst von Myrte und Mastixstrauch. Noch weiter im Westen Talaixà, über fürchterlichen Felswänden thronend, die grandiose Apsis von Sant Aniol und die tobenden Winkel des Brull. Richtung Segarra blickend, sah ich Ribelles oberhalb der eindrucksvollen Kanäle von Uja, den Bestracà über den Felsstürzen von Escales; nach Norden hin den Costabona und den majestätischen Canigó, mit Schnee bedeckt. Hie und da beobachtete ich furchterregende Erhebungen von Granitmassiven, die sich weit über dem Fuß geöffnet hatten um danteske Risse zu bilden – riesenhafte Mauern, kolossale Zusammenstürze, die nackt geschälte Felsen hinterließen, gleich unbestatteten Titanenschädeln. Und inmitten dieses Rundes sah ich das Gewirr saftig ergrünen, von der mächtige Eiche und der rötliche Steineiche an den Sonnenhängen bis zur frischen Buche im Schatten und der stolzen Pinien auf den Höhen. Sie ergossen sich in Wogen des Bewuchses, füllten die Senken, bedeckten die Flanken und Kämme und kletterten bis hinauf in die Steilhänge… (Marià Vayreda i Vila, La Punyalada: Pròleg. Übers. M. Ruiz Ortigosa)

Morgendämmerung

Morgendämmerung

Sonnenaufgang am Bassegoda

Sonnenaufgang am Bassegoda

Flagge und Krippe am Gipfel

katalanische Flagge und Krippe am Gipfel

Ausblick

Ausblick nach Westen

M

M

Gipfelselfie

Gipfelselfie

ombra del Bassegoda

weit reicht der Schatten des Bassegoda…

Als wir uns an den Abstieg machen, verbleicht gerade das letzte Rosa an den Hängen des Canigó zu gleißendem Schneeweiß. Am Pla de la Bateria machen wir Rast und frühstücken – in der Sonne ist es inzwischen angenehm warm.

Kraxeln am Gipfelgrat

Kraxeln am Gipfelgrat

Nordgrat des Bassegoda

Nordgrat des Bassegoda

kurz vor dem Pla de la Bateria

kurz vor dem Pla de la Bateria

Ausblick nach Osten, Richtung Meer

Ausblick nach Osten, Richtung Meer

El Canigò

El Canigó

Im Schatten des Bassegoda setzen wir unseren Weg durch den Eichenwald fort und passieren die Ställe und wenig später auch den Hof von Principi. Die Betten der Gebirgsbäche sind trocken, über den glattgewaschenen Felsen hängt das Moos in Bärten von den Zweigen.

trockener Bachlauf

trockener Bachlauf

Blick zum Coll Roig

Blick zum Coll Roig

Felsformationen über dem Coll de Clarioles

Felsformationen über dem Coll de Clarioles

unten im Tal von Sant Aniol

unten im Tal von Sant Aniol

Vor dem Coll Roig treten wir endlich wieder in die wärmende Sonne hinaus, ehe wir wieder auf einen schattigen Nordhang wechseln. Immer wieder sind Geröllfelder zu queren, die freien Blick hinunter in die gewundenen Talgründe und hinaus auf die bewaldeten Kuppen gewähren. Um die Mittagszeit erreichen wir den Fluss und kurz darauf die romanische Kirche Sant Aniol d’Aguja, die ursprünglich als Benediktinerkloster gegründet worden war. Später zu Beginn des XI. Jahrhunderts zogen die Mönche allerdings nach Sant Llorenç del Mont um, zu dem Sant Aniol d’Aguja fortan als Pfarrkirche gehörte. Auf der kleinen Terrasse südlich der Kirche packen wir den Kocher aus und bereiten uns eine stärkende Pasta. Der verfallene Pfarrhof wird gerade vom CEB, dem katalanischen Alpenverein in Banyoles, renoviert.

Sant Aniol

Sant Aniol

romanische Apsis

romanische Apsis

Mittagspause

Mittagspause

Nach dieser Stärkung erwartet uns ein abenteuerlicher Wegabschnitt: Bereits vom Fluss aus ist hoch über unseren Köpfen ein schmaler bewachsener Absatz auszumachen, der als leicht ansteigendes Band die Felswand durchzieht. Auf diesem Band führt ein alter Übergang entlang, der die Kirchen Sant Aniol d’Aguja und Sant Julià de Ribelles, unser heutiges Ziel etwa fünf Kilometer nördlich, miteinander verbindet. Zunächst steigen wir durch den sonnendurchfluteten Wald in steilen Serpentinen bergan und erreichen nach kurzer Zeit den Collet de Clarioles. Hier treffen sich jedes Jahr im Juni Katalanen aus dem Süden mit solchen aus dem Norden, dem heute zu Frankreich gehörigen Nord-Katalonien auf der anderen Seite der Pyrenäen, zum Aplec de Sant Aniol, einem historischen gemeinsamen Fest. Wir verlassen den breiten Weg und biegen links auf einen mit gelben Punkten markierten Steig ab, der uns bald zu den ersten Felsen bringt. An der südlichen Ecke des Bergstockes erklimmen wir nun steil aber ohne Schwierigkeiten das besagte Band: ein Felsvorsprung, stellenweise wenig mehr als einen Schritt breit, meist aber bequemer und dicht bewachsen. Etwa einen Kilometer führt der Steig so über drohenden Abstürzen entlang, ehe uralte in den Fels geschlagene und aus Bruchsteinen aufgemauerte Treppen auf den nächsthöheren Absatz leiten. Immer großartiger werden die Tiefblicke hinab in die Schlucht unter unseren Füßen und auf die Kaskaden des Brull an der gegenüberliegenden Seite. Pujant d’en llebreHasenaufstieg wird dieser abenteuerliche Saumpfad genannt – vielleicht, weil den Eseln auf ihm in alter Zeit die Gewandtheit eines Hasen abverlangt wurde.

über dem Coll de Clarioles, im Hintergrund der Bassegoda

über dem Coll de Clarioles, im Hintergrund der Bassegoda

Rückblick durch die Schlucht von Sant Aniol

Rückblick durch die Schlucht von Sant Aniol

am Felsband

am Felsband

Kaskaden des Brul

Felswände beim Brull

Schließlich weichen die Felsen zurück und wir befinden uns wieder im Wald – durchschnaufen! Hoch über dem Talschluss kommen wir an den verfallenen Terrassen des Hofes Can Llebre vorbei. Hier verlieren wir den Weg, dessen Markierungen in der letzten halben Stunde immer spärlicher geworden sind, vollends aus den Augen. Zum Glück ist das Gelände halbwegs übersichtlich: wir müssen einfach den nördlichen Kamm erklimmen, dem wir dann mehr oder weniger über mehrere Pässe bis Sant Julià de Ribelles folgen können – gesagt, getan. Die Sonne ist bereits hinter den Gipfeln im Westen verschwunden und kalter Abendwind fährt durch den entlaubten Buchenwald.

Abendstimmung

Abendstimmung

Von weitem ist schon unser Ziel auszumachen, eine kleine romanische Kirche auf einer Hügelkuppe. Durch dichtes Unterholz bahnen wir unseren Weg, ehe wir wieder auf einen Pfad und kurz darauf auf die Schotterpiste stoßen, die aus dem Tal der Muga hinauf nach Sant Julià führt. Zu unserer Verwunderung ist das eisenbeschlagene Kirchenportal diesmal unverschlossen: Es öffnet sich mit lautem Knarren, und ein letzter Abendschimmer fällt in das schmucklose, tonnengewölbte Schiff. Ansonsten lassen nur wenige schmale Fenster – Schießscharten gleich – etwas Licht in den Kirchenraum. Die Apsis ist mit einer Stufe leicht erhöht; im Süden des Schiffes wurde in späterer Zeit ein Anbau angesetzt, die Mauer zu diesem Zweck durchbrochen und durch weite Bögen ersetzt. Ansonsten beherrscht romanische Schlichtheit den Raumeindruck. Da draußen wieder stärkerer Wind einsetzt, bleiben wir hier und nächtigen im Schutz der tausendjährigen Mauern des heiligen Julians.

Dritter Tag (31. XII): Am Dach der Garrotxa

Wie wir vom Tal des Moretó auf den Gipfel der Echsen steigen, und dem aussichtsreichen Kamm weiter bis zum Comanegra folgen. Weiters, wie uns ein Ziegenbock und knurrende Hunde davon abhalten, in St. Sebastiá zu nächtigen.

Durch die Fensterschlitze der Apsis fallen erste Sonnenstrahlen herein und hüllen den Raum in eine zauberhafte Lichtstimmung. Auf der von Wildschweinen umgewühlten Wiese vor der Kirche wärmen wir uns im Sonnenschein und frühstücken. Die Vanillekipferl, Reste unserer vorweihnachtlichen Backaktivitäten, schmecken uns mit jedem Tag besser.

Apsis von Sant Julià de Ribelles

Apsis von Sant Julià de Ribelles

Westfassade

Westfassade

Der unmarkierte Steig hinunter ins schattige Tal des Moretó beginnt zwar nicht dort, wo er in der Karte verzeichnet ist – lässt sich aber rasch finden und ohne Schwierigkeiten hinunter bis zum Fahrweg am Fluss verfolgen. An einem halb zugefrorenen Bächlein füllen wir unsere Wasserflaschen wieder auf, ehe wir uns an den gemütlichen Aufstieg zum Camp del Roc, einem markanten Felskopf auf der gegenüberliegenden Flusseite machen.

im Tal des Moretò

im Tal des Moretó

Moretó

Moretó

alter Bauernhof

Bauernhof Moretó

Wenig über dem verfallenen Hof erhebt sich die mit niedrigen Büschen bewachsene Kuppe, die an ihrer Ostseite in einer jähen Felswand abbricht. Dort oben auf dieser herrlichen Aussichtsloge über der nördlichen Garrotxa packen wir den Gaskocher aus und bereiten unsere mittägliche Pasta. Im Osten, hinter einem Gewirr aus bewaldeten Kuppen und Taleinschnitten, erscheint die unverwechselbare Silhouette des Bassegoda, während weiter nördlich wieder die gleißenden Schneehänge des Canigó herübergrüßen: „Der Kamm gleicht einem riesigen Magnolienbaum, wenn seine weißen Knospen gähnen […] Was Sie erblicken, – sagt er – sind nicht Schneerinnen, es sind die Hermelinmäntel von Feen, die im Sternenlicht am Ufersaum der Seen von Cadí tanzen.” (Jacint Verdaguer, Canigó; Übers. M. Ruiz-Ortigosa)

Auf der Aussichtsloge des Roc

Auf der Aussichtsloge des Roc

Ausblick nach Norden

Ausblick nach Norden

El Canigò

El Canigò

Ausblick Richtung Osten

Ausblick Richtung Osten, in der Mitte Sant Julià

Kochpause

Kochpause

Blick zum Bassegoda

Blick zum Bassegoda

Nach dieser Verschnaufpause beginnt der anstrengende Teil unseres heutigen Vorhabens: Wir wollen durch den steilen Hochwald im Westen bis zu jenem Kamm ansteigen, auf dem die höchsten Gipfel der Garrotxa aufgereiht sind. Vom Coll de Sant Marc würden wir dann immer dem Kammverlauf folgend auf den Puig de les Bruixes – den Echsengipfel – und schließlich weiter auf den Comanegra, das Dach der Garrotxa gelangen. Zunächst müssen wir auf gutem Weg zum Coll de la Portellera queren, wo laut unserer Karte ein kleiner Steig hinauf auf den Kamm abzweigen sollte. Ein solcher ist hier allerdings beim besten Willen nicht auszumachen: wo wir auch suchen, nichts als Dickicht. Im Glauben, einen größeren Umweg auf uns nehmen zu müssen, folgen wir dem markierten Weg weiter, als M plötzlich rechterhand einen deutlichen Steig entdeckt – kein Zweifel, das ist unser Weg. Vereinzelte Farbkleckse auf Felsen und Baumstämmen bestätigen unsere Vermutung. Der Steig wirkt wenig benutzt und etwas verwachsen, mit einiger Konzentration lässt er sich aber gut verfolgen. In steilen Serpentinen im tiefen Laubuntergrund gewinnen wir rasch an Höhe. Nach etwa einer Stunde treten wir auf den Kamm hinaus: Während die Nordostflanke dicht bewaldet war, breiten sich auf der anderen Seite weite Grasmatten zu unseren Füßen aus. Der Kammverlauf bis hinüber zum Comanegra, etwa vier Kilometer, ist bereits gut einsehbar, unterbrochen vom kegelförmigen Gipfel der Echsen. Die folgenden gut zwei Stunden Gratwanderung in der Nachmittagssonne werden für uns beide zum unvergesslichen Erlebnis: Die Aussicht bis hinüber auf die schneebedeckten Gipfel des östlichen Pyrenäenhauptkammes, vom Pic de Bastiments bis zum Canigó, ist schlichtweg atemberaubend; tief unter uns windet sich die Riera de Beget, dahinter stehen die Gipfel der südlichen Garrotxa als Schattenrisse, zum Horizont hin immer blasser.

am Coll de San Marc, Blick auf den Puig de les Bruixes

am Coll de San Marc, Blick auf den Puig de les Bruixes

Rückblick am Kamm

Rückblick am Kamm

am Puig de les Bruixes: Gratverlauf zum Comanegra

am Puig de les Bruixes: Kammverlauf zum Comanegra

Blick nach Norden zum Canigò

Blick nach Norden zum Canigò

Grasmatten

Grasmatten

Bassegoda

Mond über dem Bassegoda

Kammverlauf

Kammverlauf

Torres de Cabrenc

El Canigò

Torres de Cabrenc

Torres de Cabrenc

Abendsonne auf den Matten des Puig de les Bruixes

Abendsonne auf den Matten des Puig de les Bruixes

Gegenlicht

Gegenlicht

kurz vor dem Gipfel des Comanegra

kurz vor dem Gipfel des Comanegra

Unsere Kondition wird allerdings auf die Probe gestellt: Wir haben bereits etliche Höhenmeter in den Beinen, der steile Kegel des Puig de les Bruixes raubt uns weitere Kräfte, und die Entfernung zum Comanegra scheint nicht und nicht zu schwinden. Erst als die Sonne bereits den Horizont berührt, haben wir endlich den Gipfelhang des Comanegra erklommen. Sonnenuntergang am Dach der Garrotxa – besser hätten wir uns die Zeit kaum einteilen können.

geschafft! am Dach der Garrotxa...

geschafft! am Dach der Garrotxa…

Gipfelphoto

Gipfelphoto

Sonnenuntergang am Comanegra

Sonnenuntergang am Comanegra

Mit dem Sonnenlicht schwindet die Wärme und wir müssen uns zusehen ins Tal zu kommen: Hier am zugigen Gipfel wollen wir nicht die Silvesternacht verbringen. Stattdessen wollen wir versuchen zur Gehöftgruppe Monars abzusteigen, wohin uns außer einer mittelalterlichen Kirche auch die in unserer Karte verzeichnete Quelle lockt. Den steilen, grasbewachsenen Gipfelhang haben wir bald hinter uns gebracht; der folgende Abstieg nach Monars erfordert etwas mehr Aufmerksamkeit: Zwar ist der alte Steig gut markiert, doch im Lampenschein sind die Farbflecken nicht immer gleich zu finden, und jähe Abgründe gemahnen zur Vorsicht. Im fahlen Mondlicht tasten wir uns am Saumpfad die Cingles d’en Vilà entlang und gelangen schließlich über den Stall und den bewohnten Hof von Mas Mitjà nach Monars. Glücklicherweise führt die Quelle Wasser und erlaubt uns eine Auffrischung der bereits ziemlich dezimierten Trinkwasserreserven. Unser Plan, in der Kirche Sant Sebastià Schutz vor Kälte und Wind zu suchen, wird aber jäh durchkreuzt: Plötzlich funkeln uns im nächtlichen Dunkel zwei glühende Augen an. Mitten am Weg, wenige Meter vom Hof und der Kirche entfernt steht ein Ziegenbock, ziemlich groß und bedrohlich. Als er keine Anstalten macht, uns den Weg freizugeben, und beim Hof auch noch eine Meute wachsamer Hunde zu bellen beginnt, entschließen wir uns wohl oder übel zu einem strategischen Rückzug. Unter einem Nussbaum errichten wir unser Lager und kriechen erschöpft in unsere Schlafsäcke, den Jahreswechsel verbringen wir dann schnarchend…

Vierter Tag (1. I): Unter Geiern

Wie wir auf verschlungenen Pfaden die Südhänge des Comanegra queren, während über unseren Köpfen eine Schar Geier kreist.

Das Neue Jahr beginnt, wie das Alte endete: mit klarem Himmel und eisiger Kälte. Eine morgendliche Erkundung lässt uns über unsere gestrigen Bedenken lächeln: Der Ziegenbock ist angebunden, und die Hunde im Zwinger eingesperrt. Außer ein paar Ziegen gibt es am Hof keine weiteren Lebewesen. Die romanische Kirche dient als Lager für allerlei Gerätschaften und Stapel von Ziegenfell.

San Sebastià, Monars

Sant Sebastià, Monars

romanisches Südportal zum heute als Schuppen genutzten Kirchenschiff

romanisches Südportal zum heute als Schuppen genutzten Kirchenschiff

Nachdem wir uns etwas umgesehen haben, verlassen wir Monars Richtung Südosten: Immer am Hang bleibend wollen wir zur Passhöhe Talaixà gelangen und von dort aus zu unserem Ausgangspunkt Sadernes absteigen. Erschwert wird unser Vorhaben durch den Umstand, dass parallel im Talgrund der Weitwanderweg GR11 verläuft, und unsere Route daher so gut wie gar nicht begangen wird.

Bauernhof Mas de l'Om

Bauernhof Mas de l’Om

Rückblick auf den Comanegra

Rückblick auf den Comanegra

Meians

Meians I

Meians II

Meians II

Bis nach Meians folgen wir einem alten, aber gut gepflegten Saumpfad, danach wird die Aufgabe zusehends schwieriger: Zu Beginn begleiten uns noch spärliche Farbkleckse, der Weg ist zunächst deutlich erkennbar – nach der Clot de Cal Belitre und ihrem Gegenhang gelangen wir auf die natürliche Aussichtsterrasse La Feixassa. Hier zweigt ein markierter Steig nach Norden ab, der auf den Puig de Sant Marc führen dürfte. Am Weiterweg nach Osten verlieren sich allerdings die Farbpunkte, und auch der Pfad wird undeutlicher. Immer öfter müssen wir über den Weiterweg durch das Unterholz beraten. An den freien Stellen tun sich phantastische Ausblicke in die bewaldeten Bergkämme des Südens auf, die im harten Gegenlicht immer neue Schattenmuster bilden.

Stechpalme

Stechpalme

Ausblick nach Süden

Ausblick nach Süden

Rückblick nach Westen

Rückblick nach Westen

Plötzlich sind sie da: Stumm kreisen sie über dem Hang, zunächst ein Dutzend, dann immer mehr. Die weiten Schwingen, der kleine, helle Kopf und der gekrümmte Hals lassen keinen Zweifel über ihre Identität zu: Es sind die Geier der Garrotxa, die über unseren Köpfen ihre Kreise ziehen. Als hätten sie erkannt, dass wir uns auf Abwegen befinden, folgen sie uns beharrlich. Mal sind sie etwas weiter zurück, mal zieht ein Teil des Schwarmes Richtung des gegenüberliegenden Gipfels Ferran voraus, doch immer wieder kehren sie zurück, als ob sie uns versichern wollten, wir seien als potentielle Beute weiter unter Beobachtung. Mit dieser beharrlichen Begleitung queren wir auf Steigspuren oberhalb der Cingle Ample in die Clot d’Escaladuix. Hier verlieren wir den Weg vollends und wählen mangels Übersicht eine viel zu hohe Variante: Das bemerken wir wenig später, als wir an eine Lichtung gelangen, und unser Ziel Talaixà mehrere hundert Meter unter uns erspähen. Zum Glück ist der Abstieg weniger kompliziert, als es zunächst den Anschein hat, und bald erreichen wir einen markierten Steig, der uns in Serpentinen abwärts leitet. Nun verlieren auch die Geier ihr Interesse an uns und drehen wieder nach Westen ab.

Geier im Gegenlicht I

Geier im Gegenlicht I

Geier im Gegenlicht II

Geier im Gegenlicht II

Zoom

Zoom

Kurz vor Talaixà treffen wir auf einen mittelalterlichen Wachturm, der wohl den wichtigen Passübergang sicherte. Die Klosterkirche von Talaixà, eine mehrmals umgebaute romanische Anlage, ist in den letzten Jahren teilweise restauriert worden, ist aber leider versperrt.

Wachturm oberhalb von Talaixa

Wachturm oberhalb von Talaixà

Wachturm innen

Wachturm innen

Talaixa

Talaixà

Blick auf La Quera

Blick auf La Quera

Von der sie umgebenden Alm genießen wir einen herrlichen Ausblick nach Osten, hinab auf die Riera de Sant Aniol, auf den Bassegoda und auf das herrschaftliche Gehöft La Quera, über das ein alter Steig hinunter nach Sant Aniol führt. Wir allerdings halten uns weiter südlich und steigen durch den Wald zum Pont de Valentí ab, wo wir unsere Runde drei Tage zuvor begonnen hatten.

ein letzter Blick auf den Bassegoda

ein letzter Blick auf den Bassegoda

Pont de Valentí

Pont de Valentí

Schlucht bei Sadernes

Schlucht bei Sadernes

Ausklang der Tour in Besalú

Ausklang der Tour in Besalú

Advertisements